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Chaido
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User title: Chronist
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Subject: Chaido
Hallo, Leute, frohes Neujahr wünsche ich! :D Ich hatte vor kurzem eine neue Geschichtsidee für Qiemsua, deren Anfang ich euch nicht vorenthalten will. Freue mich über eure Kommentare. Überlege mir gerade noch eine Fortsetzung ;)

In leicht winterlicher Umgebung bereitete sich die Stadt auf das bevorstehende Neujahrsfest vor. Voller Grimm und innerer Verwünschungen drängte sich auch Chaido durch die überfüllten Gassen von Xi'amzai, der am Meer gelegenen Hauptstadt der Menschenprovinz Piemin. Die Verwünschungen richteten sich vor allem gegen seinen Vorgesetzten. Als Statthalter und politisches Oberhaupt der Provinz hätte dieser ihm als wichtigem Stadtbeamten doch wenigstens eine Sänfte zur Verfügung stellen können - doch nein, dieser spitzohrige Halsabschneider musste ja Kürzungen im Staatswesen vornehmen - oder sein Jahresgehalt etwas auffrischen, um es inoffiziell zu sagen. 'Wann wird dieser Hund endlich gemeuchelt?' - fragte Chaido sich verärgert in Gedanken, immerzu mit Händen und Füßen versuchend, mal mit und mal gegen den Menschenstrom auf den Straßen zu schwimmen. Selbst seine beiden Leibwachen - der eine Mann vor und der andere hinter ihm gehend, hatten ihre Probleme, den Straßenpöbel beiseite zu schieben. Nach mehreren fremden Ellbögen, die versehens abwechselnd in Chaidos Hals-, Brust- und Magengegend stießen, verlor der Beamte zusehends seine Fassung. So erschien es ihm wie ein totgeglaubter Traum, als er nach knapp einer Stunde Geschubse und Gedrücke endlich das erwünschte Gebäude über den Köpfen der Masse erblickte. Dort war sie, die Alchimistenhütte des wohl berühmtesten Pyrotechnikers (ein Beruf, der auf ganz Qiemsua mit dem des Alchimisten gleichgestellt ist) von ganz Xi'amzai. Der Beamte verschwendete aber nicht allzu viel Zeit mit der Betrachtung, sondern senkte den Kopf und beeilte sich, die letzten erlösenden Schritte hinter sich zu bringen. Der vordere Leibwächter schob die Papiertür zur Seite, der Hintere eilte herbei, um sich zur Rechten des Einganges zu postieren. Chaido trat ein. Die Tür ging zu. Schon von der Schwelle her verspürte er den leicht sengenden Geruch von Schießpulver, aber hier im niedrigen Empfangszimmer (welches auch als Lagerraum zu dienen schien) war dieser beinahe Ohnmacht provozierend. Mit einem Ärmel vor der Nase besah der Beamte die Inneneinrichtung - lauter Flaschen, Körperteile von Tieren, getrocknete Kräuter und seltsam anmutende Gefäße mit Flüssigkeiten von mehr als bedenklichen Farben. In einem Raum aus Holz und Papier - hmm.. ein Wunder, dass dieses Haus überhaupt noch stand. Ein einziger Funke hätte doch genügt...
Überstürzte Schritte auf dem Geschoss über ihm wurden hörbar. Sie entfernten sich in Chaidos Blickrichtung und nahmen schließlich auf einer kaum sichtbaren Treppe an der gegenüberligenden Seite des Zimmers Gestalt an. Der schon etwas in die Jahre gekommene Meister-Pyrotechniker verbeugte seine gebrechliche Gestalt zum Gruß, richtete sich auf und lächelte gezwungen mit dem nicht mehr ganz lückenlosen gelbfarbenen Gebiss. Chaido erwiderte die Verbeugung halbherzig. Die flüchtige Nervosität in den Zügen des Alten machte ihn stutzig.
"Sei gegrüßt, Tunglaibang." - setzte er an. "Wie steht es mit dem Auftrag?"
"Seid von Kaiser und den Göttern gesegnet, Kumchaido, ehrenwerter Verwalter unseres bescheidenen Distrikts. Das Feuerwerk ist wie vereinbart pünktlich zur Neujahrsfeier fertiggestellt."
Das Zittern der Stimme des Alten war Chaido nicht entfallen, doch er beschloss, vorerst nichts zu sagen. "Ich will die Raketen sehen."
"Oh, nein, nein, nein - dies ist zurzeit nicht möglich, Erhabener!"
"Es muss möglich sein, oder wie soll ich deiner Meinung nach die Menge registrieren?"
"Ich bitte um Verzeihung, Euch darauf hinweisen zu müssen, Edler, aber Ihr könnt die Feuerwerkskörper zurzeit nicht sehen. Alles zu seiner Stunde. Meine Männer werden sie gegen morgen Abend pünktlich zur Statthalterresidenz geschafft haben. Wie vereinbart. Es wäre doch ein Jammer, wenn ihr Euch an diesen Dingern die Finger schmutzig machen würdet!"
Chaido verstand. Die Nervosität, die Ausreden, die falsche Bescheidenheit. Jetzt war er an einer interessanten, vielleicht sogar skandalösen Sache dran. Er, Chaido, liebte Skandale über alles. Vorausgesetzt sie betrafen jemand anderen. Er würde schon dahinterkommen, was den Alten, so ängstlich macht. Das erste Mal an diesem Tag, vielleicht sogar dieser Woche, lächelte er - zumindest innerlich.
"Unsinn, ich will mich nur vergewissern, dass alles gut gegangen ist. Sind die Feuerwerkskörper oben?"
Der Alchimist erbleichte. Er traute sich scheinbar nicht, den Beamten anzulügen. Chaido aufzufordern, nach oben zu gehen, schien der Alte aber als nicht minderen Wahnsinn anzusehen.
"Gut. Ich werde mich dann oben umsehen." - sprach Chaido in ernstem Ton. Er schritt zu der Treppe hin und stieg an dem erstarrten Pyrotechniker vorbei ins nächsthöhere Geschoss.
Es schien alles ruhig zu sein, das erste, was er sah, waren Kisten mit der Aufschrift 'explosiv'. Auch das Zweite - ein vollgerümpelter Tisch, vermochte Chaidos Kennerblick nur wenige Augenblicke lang zu fesseln. Doch, was war das - er blickte nach oben. Dieser Raum war um einiges höher als der darunterliegende und von der Decke... hing etwas herab.
"Laibang! - was hängt da?"
"Ei-eine Kleidertruhe... Meine... Kleidertruhe." - stammelte der Herbeigelaufende.
Chaido strengte seine Augen noch weiter an, um das sonderbare Möbelstück im schummrigen Licht besser zu erkennen. - "Ist sehr groß. Wieso hast du sie dort oben hingehängt. Die ganze Dachkonstruktion könnte doch zusammenbrechen." - Vorwurfs- und zugleich erwartungsvoll blickte er in das Gesicht des Mannes, der so aussah, als hätte man gerade sein Henkersurteil verlesen.
"Es, die Truhe... sie hängt nicht, oh von den Glorreichen Abstammender."
"Sie scheint jedenfalls nicht zu stehen." Der Blick des Beamten blieb eisern. Als er merkte, dass Laibang zu keiner weiteren freiwilligen Konversation bereit war, setzte Chaido seine böse Maske auf (dabei blieb er im Geiste so zufrieden, wie dies seit der Ermordung seines letzten Vorgesetzten nicht mehr der Fall war).
"Was erdreistest du dich, alter Mann?!" - er sprach mit der nötigen Schärfe, doch achtete sehr darauf nicht von seinen Leibwachen unten gehört zu werden. DIESE Sache gehörte IHM. "Um mich für einen Narren zu verkaufen, musst du schon unter einem neuen Sternzeichen wiedergeboren werden!!! Starr nicht so frech! Du wirst mir jetzt genauen Bericht davon ablegen, was es mit dieser Truhe auf sich hat, oder ich werde dafür sorgen, dass du noch vor dem heutigen Abend ihre Stelle einnehmen wirst!!"
"Gnade, oh weiser Verwalter.." ein nervöser Hustenanfall unterbrach den nun richtig verängstigten Alchimisten in seinem Redefluss, doch kaum dass dieser abebbte, überschlugen sich seine Worte. "Es... es war des Nachts... ich habe nichts damit zu tun, das... schwöre ich bei meinen... die Truhe, sie ist ver.. verflucht... heute Nacht... ich war allein und... sie... sie begann... zu schweben... Seitdem...." Ein erneuter Hustenanfall. "...schwebt sie... und... und schwebt..."
"Ruhe!" Chaidos ganze Aufmerksamkeit galt nun wieder der "Kleidertruhe". Tatsächlich schien sie sich in der Luft leicht hin und her zu bewegen. Doch nicht, als wäre sie aufgehängt. Es schien vielmehr, als würde sie auf einer unsichtbaren Wasserfläche von den Wellen sanft geschaukelt werden. Es ging hier nicht mit rechten Dingen zu!
"Was ist dort drin?"
"Mein Festtagskleid,... mein Badekleid, einige Paar Schuhe und... mehr nicht!" Im letzten Augenblick verhinderte er noch, dass seine Lippen das Wort 'Geld' formten. Die Angst um dieses GELD raubte ihm alles Sinne. Er hatte es sich erfolgreich verdient und mit ebenso großem Erfolg vor den Beamten geheim gehalten. Bis jetzt. Den Teufel über euch alle, hundegeborene Bürokraten! - fügte Laibang in Gedanken hinzu.
"Dein Badekleid, es lernt wohl neuerdings das Fliegen?! Stell die Truhe auf den Boden!"
"Aber... vielleicht ist sie gefährlich." - seine Angst war nicht gespielt.
"Es wäre viel gefährlicher für dich, meine Anweisungen zu missachten, alter Mann. Mach schon!"
Mit Widerwillen trat Laibang an die Truhe. Sie schwebte etwa auf Höhe seines Kopfes, sodass er sie leicht mit den Händen hätte packen können. Doch er zögerte. Ängstlich drehte er den Kopf zu Chaido - die Augen waren ein einziges Flehen um Erlösung. Gegen diese Art von Blicken war der Beamte immun.
"Du sagtest mir, dass die Truhe in dieser Nacht heraufschwebte!"
"Ja... ja... so war es, aber ich habe nichts..."
"Dann erkläre mir doch, warum du nicht die Wachen riefst, nachdem es geschah, und warum du die Truhe vor meinen Augen zu verbergen versuchtest?!" - Chaidos rundes Gesicht verfinsterte sich. Der Pyrotechniker war kein Schwarzmagier, dafür fehlten ihm allemal die vorauszusetzenden Qualitäten. Aber der Verdacht, den er selbst erregte, bot sehr viel Angriffsfläche.
"Die Wachen... aber..." Damit diese Bastarde meine ganzen Ersparnisse als nicht registriertes Eigentum beschlagnahmen?! Niemals! "...aber ich wollte die Gedanken der erlauchten Ehrwürdigen... nicht unnötig mit den Lastern eines Niederen wie meiner belasten."
"Jetzt HAST du sie unnötig belastet! Also stell die verdammte Kiste auf den Boden und mach sie auf, bei allen Höllen dieser Welt, DANN erst wird mein erlaucht ehrwürdiges Gemüt wieder entlastet sein!!"
Laibang war kein dummer Mensch. Er wusste, wann etwas zu verteidigen war und ab welchem Zeitpunkt alle Ausflüchte wirkungslos wurden. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich wieder zur Truhe, packte sie mit zitternden Händen und zog sie bedächtig nach unten.
"Großer Kumchaido, sie will nicht. Sie strebt immerzu... nach oben!"
"Dann..." - Chaido blickte sich rasch um - "Klemm sie dorthin, unter den Tisch!"
Der Alchimist zog die nicht unten bleiben wollende Truhe mit Mühen unter den schweren Holztisch. Einige Male regte sich die Truhe, dann konnte sie nicht weiter hoch.
"Gut! Nun mach sie auf, wir wollen doch mal sehen, was deine Kleidersammlung dazu zu sagen hat!"
Der Angesprochene beeilte sich nicht mit der Suche nach dem Schlüssel, setzte aber alles daran, nicht durch Langsamkeit zu provozieren. Was war denn nur hier geschehen. Eine fliegende Truhe, einfach lächerlich. Noch gestern Abend hätte er über eine solch absurde Geschichte gelacht. Jetzt hing ihm schon der erste Beamte an der Kehle! Verdammt, auf dass diese Papierlöcherer einmal an ihren eigenen Steuern ersticken! Da war der Schlüssel. Ein Versuch des Alten, freundlich zu lächeln, scheiterte kläglich. Schweren Schrittes ging er auf die Truhe zu, schloss auf und... öffnete. Erst einen Spaltbreit, dann weiter, noch ein Stückchen weiter. Eine augenblickliche Kälte durchfuhr das Zimmer und ein dunkler Qualm stieß zischend aus dem Behälter hervor. Das alles geschah so plötzlich, dass Laibang vor Schreck zurückfiel, sich aber im nächsten Augenblick aufrappelte und wie am Spieß schrie - "Es wird gleich explodieren!!!" Chaido war mittlerweile zu demselben unangenehmen Schluss gekommen und mit einer Miene des Entsetzens jagte er die Treppe hinunter. Einen Tick zu langsam. Der Alte raste wie verrückt hinter ihm her, doch rempelte den Vordermann in seiner Panik an - beide verloren das Gleichgewicht. Die Fliehenden landeten unsanft auf den Unterstufen der Treppe im Empfangszimmer. Die Leibwächter des Beamten standen bereits mit gezogenen Schwertern im Raum, offenbar hatten sie die Schreie von außen gehört.
"Kumchaido, was ist mit Euch?" - rief einer von ihnen.
"Äääh, helft mir hoch! Schnell! Ich muss hier raus!" - schrie dieser lauthals, während er versuchte, den Alchimisten von sich herunterzuschieben.
"Nein, nein,..." - flennte dieser nur noch. "Es hat keinen Sinn mehr, wenn dort oben etwas explodiert, dann... dann werden die ganzen Schießpulverladungen entzündet und... es ist aus, oh ihr Götter..."
Die Wachen, welche entweder sehr mutig oder sehr schwer von Begriff waren, liefen mit kaum veränderten Mienen zu den beiden, halfen ihnen hoch und starrten dann verdutzt, als Chaido, kaum festen Boden unter den Füßen habend, in Richtung der noch offen stehenden Tür rannte. Doch er wurde aufgehalten. Eine Rauchwolke entsprang pfeilgleich aus dem oberen Stockwerk und raste zischend ihrerseits in Richtung Tür, um dem panischen Distriktverwalter den Weg zu versperren. Als der Rauch sich lichtete, war die Tür wieder zugeschoben. Verdutzt starrten nun alle abwechselnd zur Tür und zu der Rauchwolke, die noch immer bedrohlich über ihren Köpfen schwebte. Erstmalig schaffte es Chaido, einen klaren Gedanken zu fassen. Es war kein Rauch, zumindest kein gewöhnlicher. Wenn es echter, durch Feuer erzeugter Rauch wäre, so würde er jetzt nicht länger hier stehen. Und das Häuserviertel wahrscheinlich auch nicht. Die Wolke begann erneut zu zischen, doch ein neues Geräusch gesellte sich dazu. Ein bitterdumpfer Klang, der zugleich einem kaum erfassbaren, melodischen Muster zu folgen schien. Eine Stimme? Angespannt spitzte Chaido die Ohren, doch es hatte bereits geendet. Er wandte sich fragend den drei anderen zu, die noch immer ohne Regung an der Treppe standen.
"Ich, iich glaube..., er will wissen, wer wir sind." - mutmaßte Laibang.
"Nun, das ist kein Geheimnis." - Chaido erlangte seine alte Fassung wieder, die, sich außerhalb einer Gefahr wissend, vor allem durch gleichgültigen und überheblichen Ton bestach. Sein Blick wanderte nach oben zu der Rauchwolke. "Mein Name ist Kumchaido, Verwalter und Oberster Steuereintreiber dieses Viertels. Der alte Herr dort ist Tunglaibang, Meister-Pyrotechniker unserer vom Kaiser gesegneten Stadt. Fengdongsu und Ganlimio, die beiden bewaffneten Soldaten, sind meine Leibgarde. Darf ich mir denn die Ehre nehmen, zu fragen, wie Dein Name lautet?"
Erneutes Zischen. Chaido strengte seine Ohren sehr an. Und verstand tatsächlich. Der Rauch sprach.
"Mein Name ist ebenfalls kein Geheimnis, weil ich gar keinen besitze. Euresgleichen würden mich einen Geist nennen, denn ich bestehe aus purer Magie. Weshalb störtet ihr mich in meinem Schlaf?" - ein schneidender Unterton schlich sich in die Stimme.
"Hochverehrter,..." - Chaido gab sich jetzt etwas höflicher, denn Geistern, gleich ob Ahnen- oder Naturgeistern, war nur mit höchstem Respekt zu begegnen, sollte man das Gespräch lebendig beenden wollen. "..verzeiht mir und den anderen hier Anwesenden diese unerhörte Dreistigkeit! Wir haben nicht damit gerechnet, gerade Euch in der Truhe unseres Alchimisten vorzufinden."
Laibang wagte nicht, etwas hinzuzufügen, obwohl ihn innerlich die Frage quälte, ob seine Ersparnisse noch da sind. Ein wahrer, ein echter Geist, in seinem sechzigjährigen Leben hatte der Alchimist keinen von ihnen gesehen, und gleich die erste Begegnung mit ihresgleichen hatte einen so derben Beigeschmack für ihn.
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