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[Kurzgeschichte] Glühendsonnenland
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Reply · Quote Caraz #1
User title: Chronist
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Subject: [Kurzgeschichte] Glühendsonnenland
Hi, habe mich heute zu einer neuen Geschichte inspiriert gefühlt, hoffe sie gefällt euch. Ist natürlich nicht alles, vielleicht kommt ja mal noch mehr. ;)


In der frühen Morgenstunde saß Etma im Gebüsch am Fluss und beobachtete die Szenerie am anderen Ufer. Ein Kampf um Leben und Tod tobte dort, ein mächtiges Krokodil, der langjährige Führer einer Gruppe, verbiss sich in einem blutigen Duell mit einem jungen Herausforderer. Es sah böse aus für den Alten, denn schon klaffte in seiner Seite eine leuchtend rote Wunde, die sich ohne Unterlass in den trockenen Schlamm ergoss. Umso rasender und gefährlicher machte es ihn, der Geruch seines eigenen Todes in den Nüstern entlud schaurige Kräfte und Etma wurde für einen kurzen Augenblick schier ergriffen von der Faszination dieser Schlacht. Das jüngere Krokodil ließ den Riesen wüten, ging selbst aber viel überlegter vor. Geschickt entzog er sich der ungebändigten Kraft dessen monströser Kiefer und schlug seinerseits zu. Dieses Mal verbiss der Junge sich in die Seite des Alten und riss sie mit voller Wucht auf. Der Koloss brüllte noch, dann sank er im Tod zusammen.

Andere Krokodile der Sippe tauchten nun aus dem Fluss auf und krochen an Land, um den neuen König zu ehren und den Verlierer zu verspeisen. Etma betrachtete die Szenerie noch einige Zeit, doch konnte er sich auch daran nicht lange erfreuen. Die Gegenwart holte ihn auch an diesem Zufluchtsort ein und mischte seine Gedanken wieder mit tiefem Gram. Zuhause im Dorf des Fährtenlesers schliefen seine zwei kranken Kinder, von derselben Seuche heimgesucht, der zuvor bereits viele seiner Freunde und Verwandte erlegen waren. Einfach alles schien zu sterben seit der große Fluss zurückging. Trockenheit und Ödnis plagten seitdem das Buschland, ätzender Staub zerfraß die Lungen und wo man nur hinging, stieß man auf Verderbtheit und Tod. Das ganze Land war krank und unrein, Etma erschien es als Strafe der Ahnen, ein Gedanke, von dem sein Vater, der Priester des Dorfes jedoch nichts wissen wollte. Natürlich, denn hätte ein derartiges Zugeständnis ihn auch seines Amtes enthoben - was nutzt schon ein Priester, dem die Ahnen nicht wohlgesonnen sind.

Die Sonne stand bereits über dem Horizont und verlieh dem Firmament eine glühende Farbe, Etma spürte die erste Wärme auf der Haut und sah die Zeit gekommen zurückzukehren. Ein letztes Mal blickte er nach den Krokodilen, die den sorgfältig abgenagten Kadaver langsam wieder Richtung der Flussrinne verließen, dann zog sich der Fährtenleser mit schleichenden Schritten zurück und machte sich auf zum Dorf. In einer Hand trug er eine Ratte, die einzige Beute der wenig erfolgreichen Jagd von letzter Nacht, mit der anderen schwang er seinen Speer, auf den er sich beim Gehen stützte. Der Weg war müßig geworden für Etma, auch seine Kräfte waren mittlerweile zurückgegangen. Obwohl er noch nicht von der Seuche angesteckt wurde, fühlte er sich seit Tagen matt und schwach. Alles, was er seit seiner Kindheit lieben gelernt hat, schien zu schwinden. Auch sein Körper würde nicht ewig durchhalten können, das war gewiss. Abrupt blieb Etma stehen, als etwa auf halbem Wege die Gestalt eines Kindes erblickte.

 Es war Ková, der jüngste und letzte Sohn seines Freundes Tmu, ein Junge am Ende des ersten Büffelalters. Er war eines der wenigen noch gesunden Kinder im Dorf, doch der Verlust seiner vier Brüder hatte tiefe Narben im ehemals aufgeweckten und frohsamen Wesen hinterlassen. Etma wusste nicht, wieso der Junge zu ihm kam, doch obwohl er nichts Gutes ahnte, beschleunigte er seine Schritte. "Etma, Etma!" - rief Ková noch in Rufweite, - "ein Greis ist gekommen!"
"So beruhige dich, Kind, komm näher und schrei nicht." - gleich darauf waren sie beieinander. Etma sah die Aufregung in den Augen des Jungen. "Welcher Greis? Wen meinst du?"
"Ein Fremder, sag ich dir, er kam von da wo die Berge sind. Niemand kennt ihn."
Etma stutzte. Das nächste Dorf war Tage von ihnen entfernt und dort kannten sie jeden. Was sollte einen Fremden, dazu noch einen greisen in dieser dunklen Zeit zu ihnen verschlagen? Währenddessen fuhr Ková fort.
"Er hat nicht viel von sich erzählt. Aber er sagte deinem Vater, dass er ein mächtiger Zauberer sei und den Fluch von uns nehmen kann."
"Er will unsere Kranken heilen?!" - eine Spur von Erregung mischte sich in die Stimme.
"Ja, Etma, er sagt, dass er es kann. Kapwe hat mich geschickt, dich zu finden. Er braucht deinen Rat. Kommst du?"
"Sicher, lass uns gehen. Wenn dieser Greis zaubern kann, lassen wir ihn besser nicht warten."

So setzten die beiden ihren Weg zum Dorf fort. Im Gespräch erfuhr Etma, dass der Alte schon Ko und Dlaza, seine beiden Kinder aufgesucht hat und nach einiger Betrachtung verkündete, dass er in der Lage ist, sie zu heilen. Auch erzählte Ková von einem etwas, das der Fremde für die Heilung verlangte, von dem der Junge aber nicht wusste, was es war. Lediglich Kapwe, Etmas Vater wurde es angeblich gesagt. Was auch immer er verlangt, er soll es bekommen, dachte der Fährtenleser nun mit einem Anflug von Hoffnung. Sie haben schon zu viele Opfer bringen müssen, als dass man ein weiteres scheuen sollte, um diesen Alptraum zu beenden. Es dauerte nicht mehr lange, bis das Dorf in Sichtweite kam. Weder durch Farbe noch durch Größe hebte sich ihre Heimatsiedlung von der Umgebung ab. Kaum mehr als zehn trostlose, riedgedeckte Rundhütten säumten den ebenen Platz, in dessen Mitte sich die große Feuerstelle auftürmte. Daneben stand ein kräftiger, doch dürrer Mann gegen Mitte des fünften Büffelalters und winkte den beiden aus der Ferne zu, als er sie erblickte.

Etma erkannte seinen Vater. Mit dem prachtvollen blauen Rock und den imposanten Halsketten hob dieser sich optisch stark von den anderen Dorfbewohnern ab. In einiger Entfernung des Dorfes kam er auf sie zu. "Gut gemacht, Ková, du kannst nach Hause gehen." Und an Etma gerichtet fuhr er fort. "Hat er dich also gefunden. Gut. Du bleibst."
Überrascht von dem knappen Empfang, übergab Etma die erlegte Ratte dem Jungen, der daraufhin zum Dorf lief. Kapwe bedeutete mit einer Geste Platz zu nehmen und beide setzten sich in das trockene Gras. Der Vater ergriff das Wort.
"Versteh, wir müssen hier draußen reden, da ich fürchte, dass man uns belauscht. In die Hütte können wir nicht. Dort schläft der Fremdling."
"Ková hat es mir schon erzählt, du musst es nicht noch einmal tun."
"Gut, sagte Ková dir schon etwas von seinen Heilkünsten?"
"Ja, er hat mich gut augeklärt, auch wegen der Sache mit Dlaza und Ko - aber wozu die Geheimniskrämerei? Hat es etwas mit dem Opfer zu tun?"
Die Gesichtszüge des Priesters verdunkelten sich. "Du weißt es also."
"Ková sagte mir, du bist der einzige der es weiß."
"Dann hör zu." Kapwe sah sich um un senkte seine Stimme auf ein Flüstern herab. "Dieser Erlöser ... ist ein leibhaftiger Dämon."
"Was?!"

"Glaub mir, Etma, ich bin nicht aus Zufall seit zehn Jahren Priester, ich weiß wovon ich rede. Bereits bei seiner Ankunft in der Nacht spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Eine seltsame, dunkle Kraft geht von ihm aus, auch wenn er äußerlich einen sehr schwachen und gutmütigen Eindruck macht."
"Du scheinst dir ziemlich sicher zu sein."
"Ich bin sicher, bei den Ahnen. Nie zuvor spürte ich an diesem Ort eine solch böse Kraft!"
"Aber das Opfer, Vater, das Opfer! Was fordert er für die Heilung?"
"Unsere Seelen, was sonst sollte er begehren, - wir besitzen hier keine Schätze, wie du weißt."
"Er sagte, er will unsere Seelen?!"
"Er sagte, wir sollen nach der Heilung seinem Gott die Ehre erweisen. Eine magische Kugel hat er bei sich, er sagt, sie sei das Auge dieses 'gütigen Gottes'. Ich schwöre dir, nie in meinem ganzen Leben hörte ich von einem Gott wie seinem, aber diese Kugel sollte selbst dir bekannt sein."

Etma überlegte. Er verstand nicht viel von Magie, doch er dachte über die Worte seines Vaters nach. Die Erinnerung an die alte Legende traf ihn wie ein Blitz.
"Der Seelenfänger? Du meinst er hat den Seelenfänger?"
"Ja." Kapwe schaute weg. "Er will durch die Heilung unser Vertrauen erschleichen. Er will, dass wir vor der Kugel beten."
"Und was passiert dann mit uns? Mit den gefangenen Seelen, meine ich."
"Das weiss nur diese Bestie selbst. Wahrscheinlich werden sie seine Bosheit nähren und ihn stärker machen. Wie eine Seuche."
Etma atmete tief. "Meinst du, er hat den Tod ins Land gebracht?"
"Er verfügt über große Macht. Ich will gar nicht daran denken, dass er die Krankheit und der Tod sein kann."
"Aber wenn es so ist, dann lass uns ihn töten, solange er noch in der Hütte schläft!"
"Etma, das uralte Böse schläft niemals. Wenn er auch nur Verdacht schöpft, dass wir ihn durchschauen, wird er uns allesamt auslöschen! Er will unsere Seelen - er kann sie nicht erzwingen. Wenn er sicher ist, sie nicht zu bekommen, dann ist unser Stamm hier und jetzt dem Ende geweiht."
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Reply · Quote Ashreel #2
Member since Nov 2006 · 48 posts · Location: Heidenheim/Brenz
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Quote by Caraz:
Ist natürlich nicht alles, vielleicht kommt ja mal noch mehr. ;)

Ja hoffentlich!!  :-) Ich hatte beim Lesen sofort Bilder im Kopf (und wenn das passiert, erachte ich die Geschichte(n) als sehr gut :-p  :-D ). War nicht nett, an der spannenden Stelle aufzuhören  ;-) Bin auf die Fortsetzung gespannt!
Der Wind ist mein Atem, der Fluss ist mein Blut
Mein Herzschlag die Wellen wiederkehrender Flut
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Reply · Quote raVen #3
User title: Mr. Magic Letter
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Gefällt mir! Die Bilder der Geschichte kommen gut rüber, das Intro führt gut ein, die Dorfbewohner der Story sind dem Fremden gegenüber misstrauisch und machen womöglich was schreckliches :D und das offene Ende ist an einem guten Punkt gesetzt... Die Story könnte aber auch der Beginn einer langen Geschichte sein, denn du wirfst einige Fragen auf: z.B. was ist das für ein Stamm, in dem Etma lebt; wer oder was ist der Fremde wirklich; hat er gute oder böse Absichten; was ist diese Kugel/dieser "Seelenfänger" wirklich...
wie gesagt, ist echt gut die kurze Story
______________________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt
- Albert Einstein
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Reply · Quote Caraz #4
User title: Chronist
Member since Jul 2006 · 311 posts · Location: Gera
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Danke für die Meinungen, ich bin froh, dass es euch gefällt. Werde schauen was ich noch tun kann. ;)
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